Von James Brückner
Ein strenger, ätzender Geruch liegt in der Luft. Es riecht nach Seifenlauge und Schweiß, aber der stickige Öldunst überwältigt die Sinne, so dass alles andere in den Hintergrund tritt. Frauen und Männer in gelb-blauen Schutzanzügen arbeiten im Akkord. Hier, im Fort Jackson Bird Rehabilitation Centre in Buras, Louisiana, kämpfen Tierschützer des International Bird Rescue Research Center gemeinsam mit ihren Kollegen von Tri-State Bird Rescue und vielen geschulten freiwilligen Helfern um das Leben unzähliger Seevögel. Die verölten Tiere sind sehr gestresst, können nicht fliegen, nicht schwimmen und sind stark unterkühlt. Die meisten sind völlig erschöpft, viele werden nicht überleben. Mehrere Lagerhallen in der Umgebung sind bereits umfunktioniert und zu Sammelplätzen oder "Waschanlagen" geworden. Täglich treffen neue Tiere ein, häufig sind es Braune Pelikane, das Wappentier des US-Bundesstaates. Insgesamt sind wohl Hunderte Vorgelarten vom schwarzen Tod betroffen.
Den Mitarbeitern des Tier- und Natur- und Jugendzentrums des Deutschen Tierschutzbundes in Weidefeld sind solche Bilder keinesfalls unbekannt. Jedes Jahr müssen in dieser Station - einer von zwei in Schlesweig Holstein anerkannten Seevogelrettungsstationen - verölte Seevögel aufgenommen und gereinigt werden. Die genehmigte Kapazität liegt bei 120 Tieren. Seit 1996 wurden mehrere hundert Seevögel erfolgreich behandelt und wieder in die Freiheit entlassen. Auch bei der für die Helfer und Mitarbeiter sicherlich größten Bewährungsprobe, der Ölverschmutzung durch die Havarie des Frachtschiffes Pallas vor der Nordseeinsel Amrum im Herbst 1998, konnte vielen Tieren, vor allem Trauer- und Eiderenten geholfen werden.
Trotz solcher Erfolgsgeschichten übernehmen die Rettung und Versorgung verölter Seevögel in Deutschland einzig und allein Tierschutzorganisationen. Staatliche Stellen oder Rehabilitationsmaßnahmen fehlen gänzlich. Im Notfall operiert in Deutschland das unabhängige staatliche Havariekommando. Diese seit 2003 bestehende gemeinsame Einrichtung des Bundes und der fünf Küstenbundesländer wäre allerdings nicht nur bei schlechten Wetterbedingungen oder bestimmten Windstärken machtlos. Auf einen verheerenden Ölunfall - ähnlich dem im Golf von Mexiko - wäre das Havariekommando in keiner Weise vorbereitet. Zudem ist eine Rettung für von Ölunfällen betroffene Tiere gar nicht erst vorgesehen, ebenso gibt es dort keine konkreten Ansprechpartner, an die sich die Tierschutzorganisationen wenden könnten.
Bezüglich betroffener Seevögel und anderer Tiere gehen die Behörden den für sie unproblematischen Weg: Im Ernstfall sollen alle Tiere einfach getötet werden, selbstverständlich, "tierschutzgerecht". Die 2009 vom schlesweig-holsteinischen Ministerium für Umwelt herausgegebene "Leitlinie für den Umgang mit verölten Vögeln an den Küsten Schleswig-Holteins" belegt dies auf besonders absurde Weise. Darin wird behauptet, dass es aufgrund der angeblich wenig erfolgreichen Behandlung und der geringen Wiederauswilderungsraten tierschutzwidrig sein, verölte Seevögel zu behandeln. Vielmehr solle den Tieren dadurch unnötige Leiden erspart werden, dass sie umgehend tierschutzgerecht getötet werden. Die Landesbehörden stufen die pauschale Tötung von verölten Vögeln somit als eine tierschutzgerechte und daher rechtlich und ethisch vertretbare Maßnahme ein. Zugleich wollen sie aber tolerieren, dass die Tierschutzorganisationen die Rehabilitation - wohlgemerkt eine ihrer Bewertung nach ethisch und rechtlich nicht vertretbare Handlung - in kleinerem Umfang weiter ausüben. Diese Darstellung ist nicht nur eine Widerspruch in sich, sondern auch aus Tierschutzsicht nicht akzeptabel.
AUSWIRKUNGEN DER KATASTROPHE IN EUROPA?
Nach Ansicht des Nationalen Zentrums für Atmosphährenforschung der USA und des Leibniz-Insituts für Meereswissenschaften in Kiel wird das im Golf von Mexico ausströmende Öl tatsächlich die Atlantikströmung erreichen, sich weiträumig verteilen und so möglicherweise auch in Europa ankommen. Zum gegenwärtigen zeitpunkt gibt es aber noch keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass es zu größeren Ölverschmutzungen an europäischen Küsten kommen wird, da man davon ausgehen muss, dass sich der Großteil des Öls biologisch abbaut bzw. stark verteilt wird und die Konzentrationen damit weniger schädlich sind. Doch jede Prognose ist unsicher. Das Bohrloch wurde zwar provisorisch verschlossen, Entlastungsbohrungen sollen den Ölfluss hoffentlich entgültig stoppen, doch Hunderte Millionen Liter Öl sind bereits ins Meer geflossen.
Gefährdet sind europäische und auch deutsche Strände dennoch, denn das Netz der Öl- und Gasförderung vor der britischen, detuschen, niederländischen und norwegischen Küste ist insgesamt sehr dicht. Mit mehreren hundert Förderplattformen für Öl und Gas sowie einem Volumen von jährlich rund 230 Millionen Tonnen ist die Nordsee nach dem Golf von Mexico die ertragsstärkste Förderregion der Welt. Ölkonzerne, darunter auch BP, dringen vor den europäischen Küsten immer weiter vor, z.B. westlich der Shetland-Inseln, wo mit Förderschiffen und flexiblen Steigrohren operiert wird, die technologisch gesehen als risikoreich gelten.
Bei einem schweren Unfall dort oder in der Nordsee könnte unter anderem das schleswig-holsteinische Wattenmeer, ein Weltkulturerbe, unmittelbar betroffen sein. Die Folgen für dieses einzigartige Ökosystem wären kaum abzusehen. Tatsächlich hat sich ein besonders schweres Unglück vor unserer Haustüre sogar bereits ereignet, als am 22. April 1977 auf der norwegischen Plattform Ekofisk Bravo ein Leck entstand, das erst acht Tage später abgedichtet werden konnte. Bis dahin war die Nordsee von einem Ölteppich von der Größe des Saarlands bedeckt. Das Unglück galt als größter "Blowout" der Geschichte - bis zur Katastrophe im Golf von Mexico.
Eine Ölpest im Lebensraum meer bedroht immer unzählige Tierarten, insbesondere Fische, deren Lebensraum und Nahrung vergiftet oder deren Kiemen durch das Öl verstopft werden, was einen qualvollen Tod zur Folge hat. Manche Arten, die nur in bestimmten, begrenzten Gebieten vorkommen oder deren Laichgründe geschädigt werden, sind gar in ihrer Existenz bedroht. Im Golf von Mexico gilt dies beispielsweise für den ohnehin stark gefährdeten Roten-Thunfisch, aber auch für den Gelbflossen-Thun, Schwertfisch oder Marlin. Die Tiefseekorallenriffe sowie die zum Teil bereits vom Öl betroffenen Feuchtgebiete und Mangrovenwälder an den Küsten sind wiederum für viele andere Arten und natürlich Vögel bedeutsam. Auch Meeressäuger, neben Seekühen mehrere gefährdete Wal- und Delfinarten, sowie Meeresschildkröten sind bedroht.
Auch wenn die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko schon jetzt die wohl schlimmste in der Menscheitsgeschichte ist, tauchen bei Diskussionen über die Rettung betroffener Tiere stets die gleichen Fragen auf. Die einen argumentieren, dass nur sehr wenige Tiere die Prozedur einer Reinigung überleben und der Nutzen für das Ökosystem oder die Art als solches daher gering ist, die anderen ahtlen es für eine moralische Verpflichtung jedem einzelnen Lebewesen zu helfen, das durch den Menschen Schaden genommen hat, und berufen sich auf positive Beispiele aus der Vergangenheit. Warum also sind die Folgen einer Ölpest für die Tiere so oft tödlich und was macht es für die Helfe so schwer, den Tieren zu helfen? Ist die Reinigung verölter Tiere tatsächlich sinnlos bzw. nur ein sprichwörtlicher Tropfen auf den heißen Stein? Diese Fragen können auch aus Tierschutzsicht nicht pauschal beantwortet werden, denn viele verschiedene Faktoren entscheiden über Erfolg und Misserfolg - über Leben und Tod.
Seevögel sind meist die offensichtlichsten Opfer einer Ölkatastrophe. Die Vögel kommen mit den Ölflächen auf dem meer oder in Ufernähe in Berührung. Beim Versuch, ihr ölverklebtes Gefieder zu reinigen, vergiften sich die Tiere, manche Arten nehmen Öl auch direkt bei der Nahrungssuche am Boden auf. Ein durch Öl verklebtes Federkleid verliert die für Wasservögel lebenswichtige Isalationswirkung gegenüber dem kalten Wasser. Stark verschmutzte Vögel sterben dann meist schnell, doch auch schon kleine Verschmutzungen des Gefieders führen durch die Summe dieser Wirkungen in der Regel zum Tod der Tiere.
Bedingt durch den Umstand, dass verölte Seevögel sich meist nur dann fangen lassen, wenn sie bereits sehr geschwächt sind, werden die Überlebens- bzw. Wiederauswilderungschancen der eingelieferten Tiere häufig als gering eingestuft. Kritiker argumentieren, dass selbst durch vielfältige Maßnahmen zur Verbesserung der Rehabilitation von verölten Seevöglen in den letzten Jahren nicht von hohen Überlebensraten der Tiere ausgegangen werden könne. Keine Wunder also, dass die deutschen Behörden diese Sichtweise dankbar aufgreifen. Nicht zuletzt kann dadurch eine Menge Geld eingespart werden. Die mühevolle Arbeit, die mit der Rettung verölter Tiere verbunden ist, wird gerne den Tierschutzorganisationen überlassen.
Der Deutsche Tierschutzbund kann im Umgang mit verölten Seevögeln auf eine in zwei Jahrzehnten erworbenen, wissenschaftlich untermauerten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Er unterhält, wie bereits erwähnt, seit 1996 in seinem Tier-,Natur- und Jugendzentrum in Weidefeld eine vom Land Schleswig-Holstein anerkannte Seevogelrettungsstation. Durch die vielfältigen Einsätze der letzten jahre konnten wichtige Erkenntnisse gewonnen und die Überlebensrate der verölten und vergifteten Seevögel immer weiter verbessert werden. Die mit der neuen schleswig-holsteinischen Leitlinie verbundene Anweisung zur Tötung betroffener Tiere löst bei Tierschützern nicht nur Kopfschütteln aus, sondern ist tatsächlich ein Armutszeugnis, das den mangelnden Willen der Landesregierung zur Hilfe ganz deutlich zeigt. Mit dem Staatsziel Tierschutz besteht für sie die Verpflichtung, nicht nur Artenschutz-, sondern auch Tierschutzbelange angemessen zu berücksichtigen. Dazu gehört der Schutz jeden einzelnen Individuums um seiner selbst willen. Die Ölpest im Golf von Mexico sollte daher als Weckruf verstanden werden - ganz gleich, ob ihre Auswirkungen uns letztlich betreffen oder nicht, denn größere und kleinere Katastrophen ereignen sich tagtäglich, auch bei uns.
Quelle: du und das tier 4/2010










